Bedrohter Mensch. Bedrohte Demokratie.

(Antimuslimischer) Rassismus als politische Herausforderung

Thema

„Ohne Demokraten keine Demokratie“ (Oskar Negt). Dieser Aussage liegt ein spezifisches Verständnis von Demokratie zu Grunde: Es deutet das Verhältnis von Demokratie und Individuen bzw. Bürgerinnen und Bürgern als ein eher enges Bedingungsverhältnis. Dementsprechend verweist das Zitat darauf, dass die Gütequalität einer Demokratie immer auch vom Grad und Ausmaß bürgerschaftlicher Mitwirkung abhängig ist. Und es macht darauf aufmerksam, dass diese Mitwirkung voraussetzungsvoll ist und neben politischen Kompetenzen (etwa politische Urteils-, Kritik- und Handlungsfähigkeit) auch bestimmte Einstellungen (z.B. Solidarität und Toleranz, Willen zu Partizipation, Vertrauen in und Anerkennung der Demokratie und ihrer Verfahrensregeln sowie ein Verantwortungs- und Zugehörigkeitsbewusstsein) erforderlich macht.

Angesichts der Wirksamkeit von Ideologien der Ungleichwertigkeit droht insbesondere unter jenen, die als nicht-gleich konstruiert und markiert werden, das Identifikationspotenzial mit dem und das Zugehörigkeitsgefühl zum Gemeinwesen zu erodieren – ist es doch mit Forderungen auf Anerkennung, Wertschätzung, Sicherheit und Gleichberechtigung verknüpft. So gesehen bedroht etwa der Rassismus das Verhältnis von Individuum und Demokratie und wird nicht zuletzt auch daher zu einem lösungsbedürftigen politischen Problem.

Lehrplanbezug

Demokratie gestern, heute, morgen (Fraenkel, Schumpeter etc.); Demokratietheorien; Gegner der Demokratie (Rassismus, Rechtsextremismus, Terrorismus); verfassungsrechtliche Grundlage der BRD; Partizipation in der Verfassungswirklichkeit

Didaktische Perspektive

Die Schülerinnen und Schüler (SuS) eröffnen zunächst ihre eigenen Perspektiven auf Demokratie und machen ihre Wahrnehmungen zum Gegenstand des Unterrichts. In diesem Sinne erarbeiten und diskutieren sie ausgehend von ersten Assoziationen unterschiedliche Kennzeichen, Erwartungen und Versprechen der Demokratie. Diese Erarbeitungen werden auf Basis eines Textes zum (Bedingungs-)Verhältnis von „Demokratie und Individuum“ untermauert und ggf. ergänzt. In diesem Text werden unterschiedliche Demokratiebegriffe skizziert, um den SuS nicht zu suggerieren, es gäbe nur eine Lesart der Demokratie.

Die SuS erarbeiten sich ein Verständnis von Demokratie, wonach diese - im Sinne ihrer selbst - Erwartungen an ihre Bürgerinnen und Bürgern stellt, z.B. eine Anerkennung demokratischer Institutionen und Verfahrensregeln, die Bereitschaft zu Engagement und Teilhabe sowie ein verantwortungsvolles und solidarisches Handeln auf Basis von Vertrauen und Zugehörigkeitsbewusstsein (Identifikation). Zum anderen erfahren die SuS, dass die Demokratie aus „normativer Perspektive“ unter anderem Gleichheit, (Chancen-)Gerechtigkeit und Anerkennung verspricht.

Im Weiteren erarbeiten sich die SuS unterschiedliche Gründe, die dazu führen können, dass das Vertrauen, das Zugehörigkeitsgefühl bzw. die Identifikation (bestimmter) Bürgerinnen und Bürger erodiert. Am Beispiel der Diskriminierung von Muslimen wird dies im Folgenden vertieft.

Die SuS erarbeiten sich Hintergründe zum NSU und der Person Semiya Simsek, der Tochter des mutmaßlich ersten Mordopfers der rechtsextremen Terrororganisation. Daran anknüpfend erlangen sie auf Grundlage eines Interviews mit Semiya Simsek und Hajo Funke Wissen zu den Auswirkungen der Tat und den geführten Ermittlungen auf die Person Semiya Simsek. Die SuS finden heraus, dass bei Semiya Simsek sowohl die Tat als solche – respektive die Bedrohungen durch den Rechtsextremismus im Allgemeinen – als auch die erfolglosen Ermittlungen, die zumindest teilweise stereotypen Bildern und rassistischen Mustern folgten, zu einem Vertrauensverlust in den demokratischen Staat geführt haben.

Die SuS benennen und problematisieren Erscheinungsformen des antimuslimischen Rassismus auf Basis des Fallbeispiels und eigener Erfahrungen sowie Deutungsmuster. So benennen und reflektieren sie z.B. stereotype Darstellungen und Wahrnehmungen von Muslimen als fanatische, gewaltbereite, kriminelle, ungleichwertige und demokratiedistante Personen. Sie können die Kriminalisierung der Familie Simsek im Zuge der Ermittlungen als einen Ausdruck zumindest eines Teils derartiger Konstruktionen und Markierungen problematisieren.

Die SuS werden im Rahmen der Methode Zukunftswerkstatt mit dem Problem des „Identifikations- und Vertrauensverlusts durch Diskriminierung und Rassismus“ konfrontiert. Sie erarbeiten zur Problemsituation eigene Kritik, Ängste, Befürchtungen und Wünsche, wobei Sie auf vorangegangene Ergebnisse zurückgreifen. Auf dieser Basis konzipieren die SuS zunächst utopische Entwürfe im Sinne eines Idealzustandes des Verhältnisses von Muslimen und der deutschen Gesellschaft bzw. Demokratie. Die SuS konfrontieren ihren arbeitsteilig erarbeiteten utopischen Entwurf mit realen Gegebenheiten und transformieren diesen in einen realistischen Kontext. Sie überprüfen und diskutieren derweil die Möglichkeiten und Grenzen der Realisierbarkeit sowohl ihres eigenen, in Kleingruppen erarbeiteten Entwurfs als auch die der anderen Kleingruppen im Sinne eines politischen Prognoseurteils. Dabei beurteilen die SuS die unterschiedlichen Entwürfe sowohl im Hinblick auf Fragen der Effizienz (Durchsetzungsfähigkeit) als auch der Legitimität in der Demokratie. Sie nehmen dabei sowohl die Perspektiven der Betroffenen als auch die der Demokratie ein.

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