Die Macht der Provokation - Eine andere Perspektive auf den Salafismus

Jugendliche neigen dazu, sich von Vorgängergenerationen abzugrenzen. Das kann zu ext-remen Gegenpositionen führen. Ein veränderter Lebensstil ist hierfür typisch. Kleidung, Fri-suren, Drogen und Musik waren häufig sinnlich wahrnehmbarer Ausdruck von Abgrenzung und Provokation. So war es bei Studentenbewegungen, den Punks, der Hip Hop Kultur. Und heute? Jugendliche haben kiffende Lehrer und Eltern mit Piercing und gefärbtem Haar. Adelige Bundesminister gehen auf Heavy Metal Konzerte, First Ladies sind tätowiert. Sex, Drugs and Rock n Roll – dieser in die Jahre gekommene Spirit lässt sich heute bestenfalls noch auf Ü 40 Partys finden. Alle Kombinationen von Sex, Rauschmitteln und Musik hat es schon gegeben. Worin steckt heute das größte Provokationspotenzial? Das Kopftuch (oder gar die Burka) hat – bei allen Unterschieden – Ähnlichkeiten mit dem Irokesen von Punks in den 1970ern: Man wird unmittelbar erkannt, erntet skeptische Blicke, offene Ablehnung, tiefe Verachtung und erzeugt vielleicht sogar Angst. Alles Zutaten für gelungene Rebellion. Überaus wirkungsvoll, wenn man die Öffentlichkeit und die eigenen Eltern provozieren möchte – jedenfalls hier bei uns. Im Iran oder in Saudi-Arabien ist eine kopftuchtragende Frau eine anonyme Ameise im Ameisenhaufen; in Deutschland ist sie das auffällige schwarze Schaf. Die Motive für oder gegen religiöse Radikalisierung sind daher je nach Gesellschaft und Zeitgeist ganz unterschiedlich. In der salafistischen Szene gelten strenge Regeln für Mann und Frau – in traditionellen, kaum religiösen Familien hingegen häufig nur für das weibliche Geschlecht. Nicht ohne Grund erleben viele junge Frauen in dieser Jugendbewegung ein höheres Maß an Gleichstellung als in ihren Herkunftsfamilien. Emanzipation und selbstbestimmte Abgrenzung sind so auch Gründe für das Interesse von Mädchen an einer salafistischen Lebensführung. Dass dies kaum jemand wahrhaben möchte, ist ein Beleg dafür, dass wir uns für diese jungen Menschen nicht interessiert haben. Nun ist eine internationale Jugendbewegung im Entstehen. Das sind junge Menschen, die – ohne sich zu kennen – Ähnliches tun. Das bedeutet, sie haben gleiche Erfahrungen, Problemstellungen und Bedürfnisse. Viele werden es nicht hören wollen: Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen auf der persönlichen Ebene, aber auch nationale und internationale Entwicklungen spielen zusammen. Der Islam ist zum Feindbild geworden. Sich über ihn auszulassen, ist heute selbstverständlich. Das zwingt viele Musliminnen und Muslime in eine defensive Haltung, in der sie sich und ihren Glauben ständig erklären müssen. Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Erlebnisse werden nationale und globale Ereignisse wahrgenommen. Muslime sind die Bösen, solange sie kein Buch gegen den Islam schreiben oder wichtige Geschäftspartner sind. In Syrien und dem Irak wird der „Westen“ erst richtig aktiv, als Nicht-Muslime bedroht oder ermordet werden. Man darf sich nicht wundern, wenn das als unmoralisch und unglaubwürdig wahrgenommen wird. Die Welt(politik) steckt in einer Sackgasse. Der Gegenentwurf der Salafisten ist denkbar einfach: Der Schlüssel liege in der Vergangenheit – eine neue Zukunftsidee vertreten sie nicht. Die gibt es allerdings nirgendwo. Nicht einmal zukunftsweisende Jugend- oder Protestbewegungen lassen sich derzeit erkennen. Der Salafismus hat für Orientierungssuchende eine kollektive Strategie: Zurück in die Zeit, in der alles vermeintlich gut war, zurück zu den Wurzeln: Klare Regeln, eindeutige Zugehörigkeiten, unhinterfragbare Wahrheiten und gar der sichere Weg zum Paradies. Das sind Dinge, für die es sich – aus der Perspektive vieler Jugendlicher – einzusetzen lohnt. Das gibt eine starke Orientierung und kanalisiert den jugendtypischen Handlungsdrang in eine Richtung: Missionieren, ein göttlicher Auftrag. Wer heute mitmacht, der gehört zur Avantgarde eines sich selbst als progressiv verstehenden globalen Projekts. Das versprechen zumindest die Prediger. Diese fundamentalistische Bewegung hat für die meisten Jugendlichen einen gewissen Bezug zur eigenen Herkunft. Gleichzeitig wird die Religion deutlich strenger praktiziert, als es die eigenen Eltern tun. Und: Die Salafisten sprechen deutsch, viele als einzige Muttersprache! Schön war die Zeit, als wir uns noch einreden konnten, diese Ausländer sollen deutsch sprechen lernen und alle Probleme wären gelöst. Wie so häufig sind Konvertiten besonders engagiert, genießen aber auch einen besonderen Stellenwert. In ihnen steckt das größte Provokationspotenzial, wodurch sie für die Öffentlichkeitsarbeit unverzichtbar werden. Zu-gleich prallt der schräge Integrationsdiskurs an ihnen gänzlich ab. Strenge Kleiderordnung, reglementierte Sexualität und Konsumverzicht – für viele ist unvorstellbar, dass diese Bestandteile eine Jugendbewegung begründen können. Aber Askese (Verzicht) und Nostalgie (Verklärung der Vergangenheit) gepaart mit einem selbstbewussten kollektiven Auftreten bedeuten heute Rebellion. Mit einer eigenen Ästhetik und großer Technologieaffinität ist es dann doch keine vollständige Reproduktion des Gewesenen. Alltagsrituale und große Events vermitteln das Gefühl von Zugehörigkeit. Im Mittelpunkt stehen Orientierung und Anerkennung, nicht theoretische und theologische Diskurse. Dagegen sehen die großen Islamverbände blass aus: Sie sind Institutionen der Erwachsenen – konventionell, defensiv und langweilig. Junge Menschen können mit radikaler Askese und Nostalgie provozieren. Ausgegrenzte Jugendliche machen so aus der Not eine Tugend. Wer nicht teilhaben kann oder sich aus-gegrenzt fühlt, gibt nicht viel auf, wenn er sich einer radikalen Gruppe anschließt. Im Gegenteil: das Gefühl der Ohnmacht kann hier in Selbstbestimmtheit und Stärke umgewandelt werden. Ungleiche Teilhabechancen und Islamfeindlichkeit und tragen zur Attraktivität der Extremismen bei. Salafisten, ‚Hooligans gegen Salafisten‘ (HoGeSa) und ‚Patriotische Euro-päer gegen die Islamisierung des Abendlandes‘ (PEGIDA) spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Salafistische Gruppierungen machen momentan die bessere „Sozialarbeit“ – sie schenken den Jugendlichen die Aufmerksamkeit, die sie von der Gesellschaft nicht erhalten. Anerkennung müsste den Heranwachsenden auch außerhalb der salafistischen Szene entgegengebracht werden, damit diese ihren Reiz verliert. Doch hierzu wäre eine offenere Gesellschaft Voraussetzung, die nicht zwischen „Deutschen“ und „Muslimen“ unterscheidet. Wie Jugend und Provokation auf Dauer zu einer ultrakonservativen Strömung wie dem Salafismus passen, bleibt zu beobachten. Abspaltungen sind wahrscheinlich. Das kennen wir aus vielen Bewegungen. Wenige werden Terroristen, einige sympathisieren gewaltlos, die meisten bleiben ungefährlich. Musliminnen und Muslime in Europa zu isolieren, war ein wichtiges Ziel der Terrorgruppen. Diese Strategie war in einigen Fällen erfolgreich. Den Nährboden für Radikalisierung auszutrocknen, ist heute eine große Herausforderung. Menschen und ihre Religion als Fremdkörper zu betrachten, war eine – wenn auch nicht die einzige – Ursache. Daher müssen zwei Erkenntnisse, die sich bereits in manchen Aussagen hochrangiger Politiker ausdrücken, handlungsleitend sein: „Das sind unsere Kinder“ und „Der Islam gehört zu Deutschland“ – in guten wie in schlechten Zeiten.

Quelle

El-Mafaalani, Aladin: Die Macht der Provokation. Eine andere Perspektive auf den Salafismus. In: Ruhrbarone. Journalisten bloggen das Revier. Politik, Wissen. 19.12.2014
http://www.ruhrbarone.de/die-macht-der-provokation-eine-andere-perspektive-auf-den-salafismus/97300 (zuletzt aufgerufen am 22.06.2016; gekürzte Version)