Hinweise zum Rollenspiel "Punkt auf der Stirn"

Die S*S sitzen in einem großen Stuhlkreis. Zu Beginn der Übung erklärt die Lehrkraft den S*S, dass sie für die Dauer von ca. einer Minute die Augen schließen müssen und zudem ab diesem Moment für den gesamten Verlauf der Übung nicht mehr sprechen dürfen. Es wird eine kleine äußerliche Veränderung an ihnen vorgenommen, die aber nicht schmerzhaft oder unangenehm sein wird, jedoch zunächst geheim bleiben muss. Hinweis: Skeptische S*S können am Rande erfahren, dass es sich bei der Veränderung um einen kleinen Aufkleber auf der Stirn handelt. Wenn sie dies nicht wünschen, können sie auch ohne Aufkleber an der Übung teilnehmen.

Wenn alle S*S ihre Augen geschlossen haben, klebt die Lehrkraft Papier-Klebepunkte o.Ä. auf die Stirnen der S*S und bittet sie anschließend, die Augen zu öffnen. Sie bekommen folgende Aufgabenstellung genannt: „Bildet in den nächsten sieben Minuten Gruppen, ohne dabei miteinander zu sprechen.“ Hinweise: Es ist wichtig, dass die verschiedenen Aufkleber Eigenschaften haben, die mehrmals vorkommen (Farbe, Form, Größe). Von jedem Aufkleber sollten mindestens zwei identische ausgewählt werden. Ein*e Schüler*in erhält keinen Aufkleber auf die Stirn. Optimal ist die Variation in zwei Kategorien, beispielsweise Farbe und schwarzer Punkt in der Mitte. So können bspw. für eine Gruppe von 13 S*S drei rote Klebepunkte mit schwarzem Punkt, drei rote Klebepunkte ohne schwarzen Punkt, drei grüne Klebepunkte mit schwarzem Punkt, drei grüne Klebepunkte ohne schwarzen Punkt verteilt werden. Ein*e Schüler*in bleibt ohne Punkt.

Die Lehrkraft muss bei diesem Spiel in besonderer Weise auf die Spieldynamik achten, um eventuell aufkommende heftige Emotionen auffangen zu können. Niemand darf gezwungen werden, etwas zu tun, das er/sie nicht tun möchte. Wenn möglich kann dieses Spiel mit einer zweiten Person durchgeführt werden, die im Fall von Konflikten oder Krisen die Lehrkraft unterstützen kann. Die Lehrkraft sollte außerdem darauf achten, durch ihre Punkteverteilung nicht bestehende Gruppen und Hierarchien innerhalb der Klasse zu reproduzieren. Dies gilt insbesondere für die*den Schüler*in, die*der keinen Aufkleber bekommt. Da diese im Verlauf des Spiels möglicherweise verstärkt mit Ausschlussmechanismen umgehen müssen, sollte diese Position keiner Person zukommen, die bereits innerhalb der Gruppe eine „AußenseiterInnen-Position“ innehat. Wenn S*S Frisuren tragen, die es nicht zulassen, die Punkte auf die Stirn zu kleben, bzw. die Haare verhindern würden, die Punkte auf der Stirn zu sehen, können die Punkte auch auf eine Wange geklebt werden. Dies kann sogar in der Interpretation eine weitere Kategorie darstellen.

Die Lehrkraft nimmt während der folgenden sieben Minuten vorrangig eine beobachtende Position ein. Sie achtet zudem auf die Einhaltung der Spielregeln (nicht sprechen) und verkündet in regelmäßigen Abständen den Stand der noch verbleibenden Zeit. Die Lehrkraft lässt diesen Übungsschritt in jedem Fall sieben Minuten andauern, auch wenn die Gruppen scheinbar schon vor Ablauf der Zeit feststehen sollten und die S*S (mehrfach) das Ende der Übung signalisieren. Die S*S interpretieren das Beharren der Lehrkraft auf die volle  Ausschöpfung der sieben Minuten meist als Hinweis darauf, dass sie noch etwas anders oder besser machen müssen, um das vermutete Ziel zu erreichen. Dies führt häufig zu weiteren dynamischen Gruppenbildungsprozessen und teils zu kreativen Einzel- und Gruppen-Aktionen, die von der Lehrkraft genau beobachtet werden müssen, da sie für die Auswertung sehr aufschlussreich sein können. Nach Ablauf der sieben Minuten „befreit“ die Lehrkraft die S*S von ihrem „Sprechverbot“ und bittet die S*S entsprechend der gebildeten Kleingruppen im Stuhlkreis Platz zu nehmen. Die folgende Gesprächsrunde dient der gemeinsamen Reflexion der Übung durch die S*S, aber auch der Herstellung des Bezugs zum Thema Antiziganismus. Am Anfang beantworten die S*S der einzelnen Gruppen nacheinander zunächst die Frage, was sie ihrer Meinung nach zu einer Gruppe gemacht hat, und welche Rolle hierbei die Aufkleber auf ihrer Stirn eingenommen haben.

Bei der Auswertung können folgende Impulse helfen:

  • Welche Gründe waren ausschlaggebend für die Gruppenbildung?
  • Wie fanden sich die S*S zu einer Gruppe zusammen?
  • Weiß jede/r welches Zeichen er/sie auf der Stirn trägt?
  • Wie war das Gefühl, dass die anderen etwas über einen selbst wissen, was man selbst nicht weiß?
  • Wie wurde damit umgegangen? Wurde man aufgeklärt oder zugeordnet?
  • Wie haben die einzelnen S*S den Gruppenfindungsprozess wahrgenommen? Fühlten sie sich willkommen? Wurden sie nur geduldet?
  • Wer hat bestimmt, wer zu welcher Gruppe gehört? Jede/r selbst? Oder andere?
  • Gab es Integration und Ausgrenzung? Evtl. sogar „Zwangsintegration“?
  • Die Frage der Bedeutung des „angestammten“ Sitzplatzes. Wollten sich die S*S von dort wegbewegen oder nicht, wie wurde der eigene Platz in der Gruppe empfunden, gesichert oder aufgegeben?
  • Gab es das Gefühl nicht zuzuordnen zu sein?
  • Wann wollte man dazugehören, wann nicht?
  • Wie haben die S*S es empfunden, dass sie mit den Aufklebern „markiert“ wurden?
  • Gab es zu irgendeinem Zeitpunkt den Gedanken, die Gruppen nach einem anderen Kriterium als den Aufklebern zu bilden?
  • Hat jemand darüber nachgedacht die Aufkleber zu entfernen, zu tauschen, zu verändern?
  • Wie hat sich die oder der Schüler*in ohne Aufkleber gefühlt? Benachteiligt oder eher frei/bevorzugt?
  • Gab es das Bewusstsein gemischter Identitäten?
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Für den Transfer sollten folgende Aspekte beachtet werden:

In diesem Kontext sollte das Themengebiet der gesellschaftlichen Zuschreibung behandelt werden. Hierzu gehören der Widerspruch zwischen Fremd- und Selbstbild, die gesellschaftliche Beeinflussung solcher Zuschreibungen und Fragen der Identität. Die Lehrkraft sollte in dieser Diskussionsrunde darauf achten, dass folgende Aspekte Erwähnung finden:

1. Der Gruppenbildungsprozess war doppelt fremdbestimmt. Erstens wurden die Punkte (analog zu Stigmata) „von außen“ verordnet - die S*S konnten sie nicht selbst wählen. Zweitens wurden sie auch in der Gruppenfindungsphase selbst mehrmals von anderen S*S darauf hingewiesen, zu welcher Gruppe sie „gehören“.

2. Die Einteilung in Gruppen aufgrund vermeintlicher oder tatsächlicher äußerlicher Unterschiede kann nie eine Eindeutige sein. Die Frage beispielsweise, bis in welche Unterkategorie eingeteilt wird (nur rote Kreise mit schwarzen Punkten oder alle Roten) ist nicht eindeutig zu beantworten.

3. Es sind immer einige besonders Engagierte, die sich dafür einsetzen, dass und wie Gruppen sich zusammenfinden. Ihre Rolle/Funktionen sollte näher ergründet werden.

4. Gruppenbildungsprozesse finden immer auf Basis gesellschaftlich konstruierter, also menschengemachter Kategorien statt. Gruppenbildung basiert nicht auf tatsächlicher Hauttönung, Haarfarbe o.Ä., entscheidend ist immer die gesellschaftliche Wahrnehmung körperlicher Eigenschaften. Dies sollte insbesondere verdeutlicht werden, falls von den S*S Analogien zu „Hautfarbe“ o.V. aufgemacht werden.
 

Quelle

Alte Feuerwache e.V. Jugendbildungsstätte Kaubstraße (Hg.). „Punkt auf der Stirn“, in: Methodenhandbuch zum Thema Antiziganismus, für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit (2. Aufl.), Münster: Unrast Verlag, 2014, 110–113.