Historischer Kontext:
Das 13. Jahrhundert brachte eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung in Europa mit sich. In den durch die Tatareninvasionen verwüsteten polnischen Gebieten herrschte ein großer Mangel an Arbeitskräften. Die Aufnahme von Siedler*innen erwies sich als dringend notwendig. In Deutschland und Flandern herrschte Überbevölkerung und es fehlte an Bauland. Neben den Fürsten begannen auch die klösterlichen Behörden, die Kirche und die Ritterschaft, Siedler*innen anzusiedeln. Die Bedingungen, die mit den Neuankömmlingen vereinbart wurden, waren günstig und ermutigten sie, sich in den polnischen Gebieten niederzulassen. Auf diese Weise wurde ein System von Anreizen geschaffen, das von den nachfolgenden Herrschern und Feudalherren in ihren Lokationsverträgen (Ansiedlungsverträgen) mit den Siedler*innen fortgeführt wurde. Das Einkommen der Grundbesitzer wuchs und wurde zum Vorbild für andere. Der Grundbesitzer setzte einen Vertrag auf, in dem die Rechte und Pflichten beider Vertragsparteien festgelegt wurden.
Dieser Prozess der Ausbreitung deutscher Kultur, Sprache und Siedlungsformen nach Mittel- und Osteuropa zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert wird als Ostkolonisation, auch als Ostsiedlung bezeichnet. Im Zuge dieser Ansiedlung von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten kam es zu tiefgreifenden Veränderungen in (Land-)Wirtschaft und Gesellschaft des östlichen Raums.
Textquelle 1
Lokation[1] des Dorfes Radlino aus dem Jahr 1291
Im polnischen Original:
Lokacja[2] wsi Radlino z 1291 r.
[...] iż mieszkańcy wsi przez poszczególne lata z każdego łanu w dzień św. Marcina płacić będą obowiązani 2 miary pszenicy, 4 miary żyta, 6 miar owsa, wiardunek[3] srebra i ten czynsz zwozić będą obowiązani na nasz dwór. Ażeby ci uprawiający wioskę mogli wypłacić to wszystko, otrzymają 9 lat wolnych od wszelkich danin i opłat. Wspomniany Marcin, sołtys i jego dziedzice z tytułu lokacji siódmy łan[4] z całym prawem, jak to my w naszych [posiadłościach] zwykliśmy wykazywać, swobodnie będą posiadali. Ogrody zaś dwa we wsi sołtys i jego potomstwo z całym czynszem i pożytkiem na swoją korzyść obejmą. I trzeci denar[5] z każdej sprawy sądzonej. Daliśmy także z całą wolnością i prawem wspomnianemu Marcinowi sołtysowi i jego dziedzicom moc wystawiania młynów, karczmę, jatkę, sadzawkę, i sukna także będą mogli sprzedawać. Dajemy Marcinowi sołtysowi i jego potomstwu moc sądzenia co do tych, którzy by zawinili we wsi wspomnianej. Chcemy ponadto, ażeby wspomniany Marcin sołtys i jego następcy mieli moc chwytania zajęcy, kuropatw, bażantów, łowienia ryb w wodach wspomnianego dziedzictwa. Wreszcie wspomniani wieśniacy wóz nam z 2 końmi przyprowadzić mają na wyprawę [wojenną].
In deutscher Übersetzung:
[...] dass die Dorfbewohner verpflichtet sind, am St. Martinstag eine Anzahl von Jahren von jedem Feld 2 Maß Weizen, 4 Maß Roggen, 6 Maß Hafer und ein Vierdung[6] Silber zu zahlen, und dass sie verpflichtet sind, diese Pacht an unser Gut zu bringen. Damit diejenigen, die das Dorf bewirtschaften, all dies bezahlen können, werden sie 9 Jahre lang von allen Abgaben und Gebühren befreit sein. Martin der Vogt und seine Erben werden die siebte Hube[7] mit allen Rechten frei besitzen, wie wir es bei unseren [Gütern] zu zeigen pflegten. Der Vogt und seine Nachkommen erhalten zwei Gärten im Dorf mit allen Pachten und Vorteilen zu ihrem eigenen Nutzen. Und einen dritten Denar[8] von jedem verhandelten Fall. Wir gewähren dem genannten Martin dem Vogt und seinen Nachkommen auch die Befugnis, Mühlen, ein Wirtshaus, eine Metzgerei, einen Teich zu errichten und sie können Tuch verkaufen. Wir geben Martin dem Vogt und seinen Nachkommen die Befugnis, über diejenigen zu richten, die in dem besagten Dorf schuldig sein würden. Wir wollen auch, dass der besagte Martin der Vogt und seine Nachkommen die Befugnis haben, Hasen, Rebhühner, Fasane und Fische in den Gewässern des besagten Anwesens zu fangen. Schließlich sollen die besagten Dorfbewohner uns einen Wagen mit 2 Pferden für einen [Kriegs]Feldzug bringen.
[1] Anmerkung der Redaktion: Lokation ist ein Rechtsbegriff, der die Überlassung von Grundstücken und Gebäuden sowie die Berechtigung, auf ihnen landwirtschaftliche und gewerbliche Tätigkeiten auszuüben umfasst.
[2] Lokacja to pojęcie prawne, które oznacza oddanie ziemi i budynków do użytkowania oraz prawo do prowadzenia tam działalności rolniczej lub gospodarczej. [przyp. red.]
[3] Wiardunek to średniowieczna jednostka miary; nazwa pochodzi od niem. Viedrung, co oznacza ćwierć jednostki, na przykład jednostki wagi. [przyp. dydakt.]
[4] Chodzi tutaj o siódmą część powierzchni pola. [przyp. red.]
[5] Średniowieczna moneta. [przyp. red.]
[6] Anmerkung der Didaktikerin: Vierdung ist eine mittelalterliche Maßeinheit. Der Begriff kommt von Viertel, denn Vierdung bezeichnet das Viertel einer Einheit, z.B. einer Gewichtseinheit.
[7] Anmerkung der Redaktion: Hube, Hufe oder auch Lahn ist eine mittelalterliche Bezeichnung für die Hofstelle, das Eigentumsrecht und die Nutzungsrechte an der Allmende oder dem Gemeindegut, die ein Mitglied einer bäuerlichen Gemeinde bekommt und bewirtschaften darf.
[8] Anmerkung der Redaktion: Hierbei handelt es sich um eine mittelalterliche Münze.
Bildquelle 1
Stadtplan des mittelalterlichen Breslau
Textquelle 2
Lokation von Krakau aus dem Jahr 1257
[…] wir wollen festhalten und unseren Ratsherren: Gedek, Jakób, ehemals Richter in Nysa, und Dytmar […], die persönlich vor uns erschienen sind, versprechen wir standhaft, dass alle in der Stadt lebenden Bürger uns sechs Jahre lang weder Miete noch irgendeinen anderen Tribut zahlen sollen […], mit Ausnahme der Miete aus den Läden, in denen Tuch verkauft wird, und aus den Läden der Kaufleute, die gemeinhin Buden genannt werden, von denen sie – wenn sie sie auf eigene Kosten und mit eigener Arbeit wählen – von der Zahlung jeglicher Miete befreit sein sollen, aus den Läden der Kaufleute, die gemeinhin Buden genannt werden, von denen, sobald wir sie auf eigene Kosten und mit eigener Arbeit gebaut haben, wie wir es ihnen auch versprochen haben, fünf Teile der Pacht an uns fallen sollen, während der sechste Teil von den […] Vögten erblich eingezogen werden soll […]. Wenn die sechs Jahre verstrichen sind, […] werden sie verpflichtet sein, uns ½ Lot[1] […] Silber zu zahlen […]. Die Vögte in der Stadt werden jedes sechste Gutshaus nach Ablauf der mietfreien Zeit besetzen […]. Auch die anderen Gutshöfe außerhalb der Stadt, auf denen das Vieh geschlachtet werden soll, sollen frei und durch Erbrecht in Besitz genommen werden. […]
[1] Anmerkung der Autorin: Das Lot ist eine historische Maßeinheit für Masse.
Bildquelle 2
Phasen der deutschen Ostsiedlung
Bildquelle 3
Spuren aus der Vergangenheit heute
Altstadt in Kościan (Woiwodschaft Großpolen[1]) aus der Vogelperspektive
[1] Anmerkung der Redaktion: Eine Woiwodschaft ist ein polnischer Verwaltungsbezirk. Großpolen ist eine historische Region rund um Posen herum und heute ein Verwaltungsbezirk in Polen.
Bildquelle 4
Ein Dorf aus der Vogelperspektive
Das Dorf Albertów (Woiwodschaft Heiligkreuz)
Diagramm
Dreifelderwirtschaft
| Feld 1 | Feld 2 | Feld 3 |
| Wintergetreide | Sommergetreide | Brache |
| Sommergetreide | Brache | Windergetreide |
| Brache | Windergetreide | Sommergetreide |
Textquelle 3
Verordnung des Abtes des Klosters von Breslau
Im polnischen Original:
Zarządzenie opata klasztoru we Wrocławiu
W tymże roku 1429 koło św. Katarzyny pan Jodok, opat klasztoru Najświętszej Marii Panny na Piasku we Wrocławiu zarządził i postanowił, aby w kościele tym odbywały się odtąd kazania w języku niemieckim, ponieważ ich dotąd nie było, a są konieczne do zbawienia duszy.
In deutscher Übersetzung:
In eben jenem Jahr 1429 ordnete der Abt Jodok, Abt des Klosters St. Maria auf dem Sande in Breslau, um den Tag der hl. Katharina an und verfügte, dass in der Kirche nunmehr die Predigten in deutscher Sprache gehalten werden sollten. Dies gab es bislang nicht, für das Seelenheil war dies aber unbedingt notwendig.
Textquelle 4
Ein Befehl des Breslauer Bischofs aus dem 15. Jahrhundert
Im polnischen Original:
W roku 1495 w Otmuchowie wydał czcigodny książę i pan Jan, biskup wrocławski surowy nakaz i zarządzenie dla mieszkańców i chłopów całej gminy Wójcice należącej do zamku i przy Otmuchowie położonej najbardziej znaczącej, ażeby używały języka niemieckiego i trzymały się go. Dotąd bowiem używają prawie wyłącznie polskiej mowy i dlatego nie mogą przedstawić swoich potrzeb i porozumieć się z naszymi urzędnikami inaczej jak przez tłumaczy. Zarządził książę łaskawość tym włościanom, którzy mówią po polsku i posługują się językiem polskim, ażeby w ciągu najbliższych 5 lat nauczyli się i używali języka niemieckiego.
In deutscher Übersetzung:
Im Jahr 1495 am Montag nach dem Dreifaltigkeitstag erließ der ehrwürdige Fürst und Herr, Herr Johannes, Bischof von Breslau etc. in Ottmachau [polnisch Otmuchów] den strengen Befehl und Erlass für die Einwohner und Bauern der ganzen Gemeinde Woitz [polnisch Wójcice], die zur Burg gehörte, bei Ottmachau gelegen und besonders bedeutend ist, dass sie die deutsche Sprache zu verwenden hätten und an dieser festhalten sollten. Bisher nämlich bedienen sie sich fast nur der polnischen Sprache und sind deshalb nicht in der Lage, ihre Anliegen vorzutragen und sich mit unseren Verwaltungsbeamten ohne die Hilfe von Dolmetschern zu verständigen, es sei denn, es wird ein Übersetzer hinzugezogen. […] Seine Fürstliche Gnaden hat auch denjenigen Bauern, die Polnisch sprechen und sich der polnischen Sprache bedienen, auferlegt, dass sie im Laufe der nächsten fünf Jahre die deutsche Sprache erlernen, auf das Polnische verzichten und nicht anders handeln sollen.
Quelle: Wacław Korta, Sytuacja wsi feudalnej do XV w. Teksty źródłowe do nauki historii w szkole [Die Situation des feudalen Dorfes bis zum 15. Jahrhundert. Quellentexte für den Geschichtsunterricht in der Schule], Warszawa: Państwowe Zakłady Wydawnictw Szkolnych, 1959, S. 23. [Übersetzt durch die Autorin]
Quelle zu Textquelle 1: Wacław Korta, Sytuacja wsi feudalnej do XV w. Teksty źródłowe do nauki historii w szkole [Die Situation des feudalen Dorfes bis zum 15. Jh. Quellentexte für den Geschichtsunterricht in der Schule], Warszawa: Państwowe Zakłady Wydawnictw Szkolnych, 1959, S. 23. [Übers. und bearb. durch die Autorin]
Quelle zu Bildquelle 1 : Europa – Unsere Geschichte, Band 1, Wiesbaden: Eduversum-Verlag, 2016, S. 231.
Quelle zu Textquelle 2: „Dokument lokacyjny Miasta Krakowa nadany przez Bolesława V Wstydliwego w dniu 5 VI 1257 r. we wsi Kopernia koło Pińczowa“ [Der Lokationsbrief der Stadt Krakau, erlassen von Bolesław V. dem Schüchternen am 5. Juni 1257 im Dorf Kopernia bei Pińczów], in: Kraków Zaprasza [Kraków lädt ein], http://krakow.zaprasza.eu/historia/lokacja.php, zuletzt geprüft am 9. April 2024.
Quelle zu Bildquelle 2: „Die bäuerliche deutsche Ostsiedlung”, http://www.schoenhengstgau.de/Geschichte_
Sudetenland/DtOstsgr.htm, zuletzt geprüft am 3. September 2025
Quelle zu Bildquelle 3: „Z lotu ptaka“ [Aus der Vogelperspektive], 16. April 2013, in: koscian.net, http://www.koscian.net/Z_lotuptaka_(foto),8235.html, zuletzt geprüft am 10. April 2024.
Quelle zu Bildquelle 4: Dies ist ein Screenshot des Dorfes Albertów in Google maps, https://www.google.de/maps/place/42-165+Albert%C3%B3w,+Polen/@51.0280045,18.8211198,699m/data=!3m1!1e3!4m6!3m5!1s0x4710984616377567:0x95b6904c5903d52b!8m2!3d51.0278434!4d18.8176213!16s%2Fm%2F05c1p73?entry=ttu, zuletzt geprüft am 20. Juni 2025.
Quelle zu Textquelle 3: Bronisław Turoń, Śląsk, Ziemia Lubuska, Pomorze Zachodnie, Pomorze Gdańskie oraz stosunki polsko-krzyżackie do schylku XV w. Teksty źródłowe do nauki historii w szkole. [Schlesien, Lebuser Land, Westpommern, Pommerellen und die Beziehungen zwischen Polen und dem Deutschen Orden bis zum Ende des 15. Jh. Quellentexte für den Geschichtsunterricht in der Schule], Warszawa: Państwowe Zakłady Wydawnictw Szkolnych, 1959, S. 12.
Quelle zu Textquelle 4: Bronisław Turoń (Hg.), Śląsk, Ziemia Lubuska, Pomorze Zachodnie, Pomorze Gdańskie oraz stosunki polsko-krzyżackie do schylku XV w. Teksty źródłowe do nauki historii w szkole. [Schlesien, Lebuser Land, Westpommern, Pommerellen und die Beziehungen zwischen Polen und dem Deutschen Orden bis zum Ende des 15. Jh. Quellentexte für den Geschichtsunterricht in der Schule], Warszawa: Państwowe Zakłady Wydawnictw Szkolnych, 1959, S. 13. [Bearb. durch die Didaktikerin]