Antiziganismus

Rassistischen Klischees von Sinti und Roma begegnen

Sachinformation

Worum geht es?

Die Ideologie des Antiziganismus basiert auf der Stigmatisierung von SintiZe[1], RomNja[2] oder anderer Gruppen als „Zigeuner“ und auf der Annahme, „Zigeuner‘“, ‚Roma‘ oder ‚Sinti und Roma‘ seien eine homogene Gruppe mit unveränderlichen Merkmalen, die sie zu einer vollkommen ‚fremden‘ ‚Rasse‘, ‚Ethnie‘ oder ‚Kultur‘ formen würden. Hinzu kommt eine verallgemeinernde Zuschreibung stereotyper, von der Norm abweichender Eigenschaften an diese Gruppe. Im Endeffekt entstehen verallgemeinernde und biologisierende Aussagen wie „Zigeuner haben das im Blut“ oder „Roma neigen zum Diebstahl“. Diese Aussagen bleiben nicht individuelle Überzeugungen, sondern manifestieren sich in Filmen, in der Musik, in der Literatur, in Spielzeug, in Presse und Medien, in politischen Debatten und am Stammtisch. Dabei sind sie im Kern häufig schon Jahrhunderte alt und werden gesellschaftlich immer weiter tradiert und auf aktuelle Situationen angepasst.

Vor dem Hintergrund dieser Ideologie entstehen antiziganistische Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung, vorwiegend von RomNja und SintiZe, aber auch anderer Gruppen, die als ‚Zigeuner‘ stigmatisiert wurden. Diese Ausgrenzung und Verfolgung währten in unterschiedlichen Ausprägungen seit Jahrhunderten fort. Sie erreichten ihren negativen Höhepunkt in der rassistisch motivierten und systematischen Massenvernichtung von RomNja und SintiZe in ganz Europa durch die nationalsozialistischen Deutschen und ihre HelferInnen.

Antiziganismus ist in den europäischen Mehrheitsgesellschaften weit verbreitet. Nach wie vor bestehen durch Stereotype geprägte Wahrnehmungsmuster fort. Diskriminierung ist für viele von Antiziganismus Betroffene, insbesondere SintiZe und RomNja Alltag. In verschiedenen europäischen Ländern, auch in Deutschland, kommt es immer wieder zu gewalttätigen teils pogromartigen Übergriffen, zu Brandstiftungen und in Einzelfällen zu antiziganistisch motivierten Morden. Der ‚Fall Maria‘ steht exemplarisch für diese fortbestehenden Wahrnehmungsmuster. Die stereotype Unterstellung, dass ‚Zigeuner‘ Kinder stehlen würden ist Jahrhunderte alt und hat dennoch bis in die Gegenwart nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren. Den Medien in Griechenland, in anderen europäischen Ländern, sogar in den USA erschien die These, das Mädchen Maria sei gestohlen worden, unmittelbar plausibel. Die Vermutung, Tausende anderer ‚blonder‘ Kinder seien entführt worden, wurde in seriösen Presseorganen kolportiert. Durch die Fallbeispiele wird den Jugendlichen vor Augen geführt, inwiefern dieses Vorurteil noch heute den Hintergrund beispielsweise für rassistische Stimmungsmache im Internet sowie für pogromähnliche Übergriffe in Italien abgibt.

Gleichzeitig verdeutlicht der ‚Fall Maria‘ wie weitgehend die öffentliche Wahrnehmung von ‚Roma‘ noch heute von Vorstellungen biologischer Homogenität verschiedener Gruppen geprägt ist: Die Existenz blonder RomNja wurde in den Medien und in der Öffentlichkeit einfach nicht für möglich gehalten. Insofern bietet dieser Fall ein gutes Beispiel, um hiervon ausgehend biologistische und rassistische Vorstellungen im Allgemeinen zu thematisieren und zu hinterfragen.

Das Modul zielt also darauf ab, sowohl die vereinheitlichende Wahrnehmung einer unveränderlichen Gruppenzugehörigkeit infrage zu stellen, als auch die verallgemeinernde Zuschreibung sozial unerwünschter Eigenschaften zu thematisieren.

Durch den Bezug auf die Arbeit des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma soll den Jugendlichen die Möglichkeit bürgerrechtlichen und gesellschaftspolitischen Engagements eröffnet werden. Bei der Durchführung sollte darauf geachtet werden, den rassistischen Begriff „Zigeuner“ nach einer einmaligen Erklärung möglichst nicht mehr zu verwenden, da dieser Begriff diskriminierend ist und als Trigger für Verletzungen bei Betroffenen wirken kann.

 

Welche Materialien werden verwendet?

Das Modul basiert auf der Auseinandersetzung mit realen Ereignissen sowie der medialen Berichterstattung über diese Ereignisse. Die Jugendlichen werden sich folglich – zum Teil kritisch – mit Textbeiträgen sowie einem Videobeitrag auseinandersetzen, in denen verschiedene Geschehnisse erläutert werden. Für eine kurze Einführung wird außerdem ein Kurzfilm der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet. Insgesamt ist es hilfreich, wenn für die Jugendlichen während der Arbeit Internetzugang besteht.

Nach einem Einstieg mit einem kurzen Videobeitrag über eine Pressekonferenz des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma (Material 1), durch den bereits zentrale Fakten und Ereignisse beschrieben werden, werden die Jugendlichen in zwei Arbeitsgruppen aufgeteilt. In diesen AGs erarbeiten sie sich zunächst je unterschiedliche vertiefte Sachkenntnisse zu dem Vorfall. Die erste Gruppe fokussiert auf die realen Geschehnisse (Material 3), die zweite Gruppe beschäftigt sich mit der Kritik an der medialen Darstellung (Material 4). Beide Gruppen werden ermutigt, die Textlektüre durch eine kurze Internetrecherche zu ergänzen. Anschließend werden die Arbeitsergebnisse den Mitgliedern der je anderen Gruppe vorgestellt.

Mit einem weiteren kurzen Info-Film der Bundeszentrale für politische Bildung (Material 5) steigen die Jugendlichen in eine Vertiefungsphase der verstärkten Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Antiziganismus ein. Der Film vermittelt zentrale Kenntnisse zum Themenfeld und verweist insbesondere auf die lange Tradition von Vorurteilen und Ausgrenzung. Nach einer kurzen Möglichkeit zur Klärung von Rückfragen folgt eine zweite Arbeitsgruppen-Phase. Darin setzen sich die Jugendlichen dann mit drei verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Situationen auseinander, in denen das antiziganistische Vorurteil der Kindesentführung durch vermeintliche ‚Zigeuner‘ eine Rolle spielt. Dabei werden so unterschiedliche Materialien wie eine Falschmeldung zu vermeintlichem Organhandel durch ‚Zigeuner‘ oder ‚Rumänen und Bulgaren‘ in sozialen Netzwerken (Material 7), ein Auszug aus dem Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo (Material 8) sowie Medienberichte zu einem Pogrom gegen RomNja in Italien, das durch die Behauptung eines versuchten Kindesraubes ausgelöst wurde (Material 9). Im Anschluss stellen sich die Arbeitsgruppen erneut vor, was sie herausgefunden haben und beschließen damit die zweite Unterrichtseinheit und den ersten Teil des Moduls, in dem das Vorurteil der Kindesentführung ausführlich thematisiert wurde.

Zu Beginn des zweiten Teils des Moduls (Stunde 3) führen die Jugendlichen ein Rollenspiel durch, bei dem sie die Möglichkeit haben müssen, sich im Raum zu verteilen. Das Rollenspiel ist dazu geeignet, die Bedeutung und die Vorgänge in Gruppenbildungs-prozessen zu reflektieren und insbesondere rassistische oder anderweitig ethnisierende Vorgänge darin zu hinterfragen. Nach dem Rollenspiel selbst erfolgt eine ausführliche Auswertung des Geschehenen. Detaillierte Erläuterungen zur Durchführung des Rollenspiels können Material 15 entnommen werden. Für das Rollenspiel ist die Anschaffung von Klebepunkten o.Ä. zur äußerlichen Kennzeichnung der SuS in mehreren Farben erforderlich.

Mit einem Transfer (Rückbezug auf die Materialien 1-4) eröffnet die Lehrkraft in der vierten Unterrichtseinheit den Rückbezug zum „Fall Maria“, in dem essentialistische Vorstellungen von ‚dunkelhaarigen‘ und ‚dunkeläugigen‘ ‚Roma‘ und von ‚blonden blauäugigen‘ ‚Nord-Europäern‘ ebenfalls eine große Rolle gespielt haben. In einem Input erläutert die Lehrkraft, inwiefern die Vorstellung von dunkelhaarigen ‚Roma‘ und von blonden ‚Nicht-Roma‘ immer noch die visuelle Darstellung in den Medien, aber auch in anderen Kulturbereichen prägt (Material 11).

Zum Abschluss der Unterrichtseinheit erläutert die Lehrkraft zusammenfassend wie in einem Drei-Schritt (Material 12) rassistische Ideologien wie Antiziganismus entstehen. Für diese Erläuterung wird die vorherige Lektüre eines Hintergrundtextes (Hintergrundinformation 2, Material 14) empfohlen. Das Schaubild wird sukzessive an der Tafel entwickelt. Dabei ist es sinnvoll, sowohl auf die Ergebnisse der zweiten Arbeitsgruppenphase, als auch auf die Ergebnisse der Diskussion nach dem Rollenspiel einzugehen und diese als Beispiele für die Elemente des Schaubilds einzubeziehen.

 

Materialien:

Material 1: Video - "Roma gegen 'Maria'-Berichterstattung"

Material 2: Transkript zum Video (Material 1)

Material 3: Arbeitsblatt 1 - Der "Fall Maria" in den Medien (Gruppe 1)

Material 4: Arbeitsblatt 2 - Pressemeldung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

      (Gruppe 2)

Material 5: Video - "Antiziganismus begegnen. Ein Info-Film zu Antiziganismus"

Material 6: Transkript zum Video (Material 5)

Material 7: Arbeitsblatt 3 - "Falschmeldungen auf Facebook" (Gruppe 1)

Material 8: Arbeitsblatt 4 - "Der Glöckner von Notre Dame" (Gruppe 2)

Material 9: Arbeitsblatt 5 - "Die Angriffe in Italien" (Gruppe 3)

Material 10: Hinweise zum Rollenspiel

Material 11: Foto - "Wie sehen denn "Sinti und Roma Kinder" aus?"

Material 12: Schaubild - Die Entstehung von antiziganistischen Vorurteilen

Material 13: Hintergrundinformation 1 - "Ablauf der Geschehnisse "Fall Maria"

Material 14: Hintergrundinformation 2 - "Die Wirkungsweise der antiziganistischen

         Vorurteilsstruktur"

 

Weiterführende Literatur

Alte Feuerwache e.V. Jugendbildungsstätte Kaubstraße (2014) (Hrsg.): Methodenhandbuch zum Thema Antiziganismus für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. 2. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Münster: Unrast

Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 22-23/2011: Sinti und Roma. http://www.bpb.de/files/WWG9D8.pdf

Benz, Wolfgang (2014): Sinti und Roma: die unerwünschte Minderheit: Über das Vorurteil Antiziganismus. Berlin: Metropol

Bundeszentrale für politische Bildung (2014) (Hrsg.): Online-Dossier: Sinti und Roma in Europa. http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (2015) (Hrsg): Antiziganismus. Soziale und historische Dimensionen von "Zigeuner"-Stereotypen. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

End, Markus (2014): Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit. Strategien und Mechanismen medialer Kommunikation. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

http://www.sintiundroma.de/fileadmin/dokumente/publikationen/extern/2014StudieMarkusEndAntiziganismus.pdf

Engbring-Roman, Udo (2014): Ein unbekanntes Volk? Daten, Fakten und Zahlen zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa. http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/179536/ein-unbekanntes-volk-daten-fakten-und-zahlen?p=all

Mengersen, Oliver von (2015) (Hrsg.): Sinti und Roma: Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1573. Bonn, München: Bundeszentrale für politische Bildung.

 


[1] SintiZe und RomNja sind die gendergerechten Bezeichnungen von Sinti und Roma.

[2] „Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten in Europa. In ihren jeweiligen Heimatländern bilden sie historisch gewachsene Minderheiten, die sich selbst Sinti oder Roma nennen, wobei Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft bezeichnet. Außerhalb des deutschen Sprachraums wird Roma als Name für die gesamte Minderheit verwendet. […] In Deutschland sind Sinti und Roma seit 600 Jahren beheimatet. Die etwa 70.000 hier lebenden deutschen Sinti und Roma sind eine nationale Minderheit und Bürgerinnen und Bürger dieses Staates.“ (http://www.sintiundroma.de/sinti-roma.html)

Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/179536/ein-unbekanntes-volk-daten-fakten-und-zahlen?p=all

Sie können auch die gesamte Materialsammlung zusammen mit dem kompletten Text dieser Unterrichtseinheit herunterladen.

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