Geschichte(n) der deutschen Migrationsgesellschaft

Jugendliche erzählen begründete historische Geschichten

Sachinformation

Worum geht es?

Migration ist ein gesellschaftlich und politisch viel und häufig kontrovers diskutiertes Thema, im Rahmen dessen auch Fragen um Zugehörigkeit und Fremd­heit verhan­delt werden. Dass solche Debatten um und über Migration öffentlich vermehrt geführt werden, kann wiederum als Anzeichen dafür verstanden werden, dass Deutschland eine Migrationsgesellschaft im Sinne Paul Mecherils ist.[1] Migration und die sich über die Zeit verändernden Debatten darüber sind kein neuartiges Phänomen in Deutschland. Zum einen hat es Wanderungen von Men­schen auch über Ländergrenzen hinweg zu jeder Zeit gegeben, wie es auch der Migra­tions­forscher Klaus Bade in folgendem Ausspruch zum Ausdruck bringt: „Den ‚Homo migrans‘ gibt [es] […], seit es den ‚Homo sapiens‘ gibt.“[2] Migration ist somit als Normalfall in der Menschheits- und der deutschen Geschichte zu deuten. Dennoch liefen und laufen Debatten um Migration häufig im Spannungsfeld zwischen Migration als Normal- oder Problemfall ab. Beispielhaft lässt sich dies an den jeweils unterschiedlich geführten Diskursen über Migration und diesbezüglicher Gesetze um die 2000er, 90er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts nachweisen.[3] Ein- und Auswan­derung und die gesellschaftlichen Aushandlungen darüber sind nichts Neues oder Krisen­artiges. Das Modul hilft den Schüler*innen (S*S) durch die Beschäftigung mit und Recherche zu migrationsgeschichtlichen Beispielen zu dieser Einsicht zu gelangen.

Die einzelnen Wanderungsbewegungen aus der Migrationsgeschichte Deutschlands sind als jeweilige Spezifika dieses Normalfalles zu verstehen. Die Beschäftigung mit historischen Ereignissen deutscher Migrationsgeschichte der letzten 150 Jahre soll verdeutlichen, dass verschiedene Formen von Migrationen zu unterschiedlichen Zeiten stattfanden, unterschied­liche Ausprägungen annahmen und weiterhin annehmen.[4] In dieser Hinsicht haben sich auch das Mitspracherecht und die Teilhabe von Migrant*innen verändert. In dem Unterrichtsmodul werden den S*S ebenfalls Sichtweisen aus migrantischen Perspektiven näher gebracht. So können sie unter anderem feststellen, dass Migrationen auch aufgrund von Versuchen der Migrationssteuerung, Rassismus oder der Mitbestimmungsmöglichkeiten und des Wider­standes von Migrant*innen ganz unterschiedliche Facetten annahmen. Dementspre­chend soll aus einer vertiefenden Auseinandersetzung mit einer flexibel erweiterbaren Auswahl aus zehn histori­schen Beispielen von Migration deutlich werden, dass mit der Konstante oder langen Tradition von Migration zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich umgegangen wurde.[5] Daher kann es nicht DIE eine Geschichte DER Migrationsgesellschaft geben, sondern nur eine Vielzahl aus verschiedenen Perspektiven mit verschiedenen Anfängen und unterschiedlichen Interpreta­tionen.

Bei der Auswahl migrationsgeschichtlicher Beispiele sollen besonders der Facettenreichtum von Aus- und Einwanderungsprozessen sowie die unter­schiedlichen Motive und Verläufe von Migrationsprozessen abgebildet werden. Anhand der Arbeit mit Abbildungen wird auf Diskurse und verschiedene Perspektiven zu Migration verwiesen, z. B. auf Sichtweisen von Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft oder Eigenperspektiven von Migrant*innen. Dadurch werden viel­fältige Anlässe geschaffen, die den S*S ermöglichen, der Frage nachzugehen, inwiefern sich Migrationen, die Hintergründe dafür sowie Vorstellungen von und über Migrant*innen gewan­delt haben oder beständig geblieben sind. Hieraus können sie Orientierungen für die Gegen­wart herstellen und der Frage nach Traditionen, Beispielen, Entwick­lungen sowie Brüchen in der Migrationsgeschichte Deutschlands nachgehen.

 

Welche Materialien werden verwendet?

Die Grundlage für die selbstständige Auseinandersetzung mit verschiedenen Migrations-geschichten bilden Abbildungen von ikonischen Migrationsbildern (Material 4-13). Aus diesen wählen die S*S zunächst drei für sie relevante Bilder als Ausgangs­punkt für die Recherche zu ihrer Geschichte aus und begründen ihre Auswahl. Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, dass die S*S ein Bild aus der Migrationsgeschichte, das sie als relevant erachten und das nicht in der Vorauswahl enthalten ist, hinzu­ziehen. Auf diese Weise kann an ihr Vorwissen und ihre Vor­erfah­rungen angeknüpft werden, denn erste Assoziationen und Vorstellungen, die die S*S über Migrationen oder Wanderungen haben, werden anhand der Bildauswahl sichtbar und später auch diskutierbar. Die Lehrkraft erhält Hintergrundinformationen zu den Abbildungen (Material 14), um die Verwendungen der Bilder und deren Interpreta­tionen durch die Klein­gruppen zu unterstüzen.

Für die Auswahl der fiktiven Redakteur*innen, die jeweils auf eigene Migrationserfahrungen zurückblicken und die Migrationsgeschichten zu den Bildern erzählen, werden den S*S verschiedene Masken zur Verfügung gestellt (Material 2), aus denen sie wählen und aus deren Sichtweise die S*S Migrationsgeschichten erzählen können.[6]

Die Recherchen führen die S*S selbstständig durch, ihnen werden aber verschiedene Links zur Verfügung gestellt, um ihnen einen abgesicherten Rahmen zu geben. Als Grundlage für die Diskussion des Migrationsbegriffes dienen die Definitionen von Jan Plamper sowie Jochen Oltmer und Nikolaus Barbian (Material 1 und 16).

 

Materialien:

Material 1:       Definition – Migration nach Jan Plamper

Material 2:       Arbeitsblatt – Die Redakteur*innen

Material 3:       Arbeitsblatt – Die Bildauswahl

Material 4:       Arbeitsblatt – Bild A) Die Ausreise in die USA: Aufstiegsmigration Ende des 19. Jahr­hunderts

Material 5:       Arbeitsblatt – Bild B) Flucht und Vertreibung: Zwangsumsiedlung während des Zweiten Weltkriegs

Material 6:       Arbeitsblatt – Bild C) Fachkräfte Willkommen: Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften

Material 7:       Arbeitsblatt – Bild D) Der Junge aus dem Warschauer Ghetto: Deportation während des Zweiten Weltkrieges

Material 8:       Arbeitsblatt – Bild E) Abgebranntes Haus der Familie Genç in Solingen: Rassismus

Material 9:       Arbeitsblatt – Bild F) Der Millionste „Gastarbeiter“: „Gastarbeiter“

Material 10:     Arbeitsblatt – Bild G) Flucht über das Mittelmeer: Die „europäische Migrationskrise“

Material 11:     Arbeitsblatt – Bild H) „Boat People“: Aufnahme Geflüchteter des Vietnamkrieges

Material 12:     Arbeitsblatt – Bild I) Der Ford-Streik 1973: Migrantischer Widerstand gegen Ausbeutung

Material 13:     Arbeitsblatt – Bild J) Flucht aus der DDR: Wiedervereinigung

Material 14:     Hintergrundinformationen – Unterstützung für die Bildbeschreibung

Material 15:     Kriterienkatalog – Zur Beurteilung der Artikel

Material 16:     Definition – Migration nach Jochen Oltmer und Nikolaus Barbian

 

Weiterführende Literatur

Adamski, Peter. „Die Didaktische Analyse“, in: Michele Baricelli (Hg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, 2, Schwalbach/Ts.: Wochenschau, 2012, 224–237.

Bade, Klaus J. Europa in Bewegung: Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: Beck, 2000.

Do Mar Castro Varela, Maria. „Migrationshistorisches Vakuum? Zum Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland“, in: Unsere Wirklichkeit ist anders – Migration und Alltag: Perspektiven politischer Bildung, Dirk Lange und Ayca Polat (Hg.), Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 2009, 81–94.

Düvell, Franck. Europäische und internationale Migration: Einführung in historische, soziologische und politische Analysen, Hamburg: LIT, 2006.

El-Tayeb, Fatima. „Deutschland postmigrantisch? Rassismus, Fremdheit und die Mitte der Gesellschaft“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 14-15 (2016), https://www.bpb.de/
apuz/223916/rassismus-fremdheit-und-die-mitte-der-gesellschaft
, zuletzt geprüft am 15. Ja­nuar 2021.

Foroutan, Naika. Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld: Transcript, 2019.

Körber, Andreas, Waltraud Schreiber und Alexander Schöner (Hg.), Kompetenzen Historischen Denkens: Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik, Neuried: Ars una, 2007.

Kühberger, Christoph. Kompetenzorientiertes historisches und politisches Lernen. Methodische und didaktische Annäherungen für Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung, Innsbruck, Studienverlag, 2015.

Mecheril, Paul. Einführung in die Migrationspädagogik, Weinheim: Beltz, 2004.

Oltmer, Jochen und Nikolaus Barbian. Ein Blick in die Deutsche Geschichte: Vom Ein- und Auswandern, 2. Auflage, Berlin: Jacoby & Stuart, 2019.

Oltmer, Jochen. Migration: Geschichte und Zukunft der Gegenwart, Darmstadt; Konrad Theiss, 2017.

Plamper, Jan. Das neue Wir: Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen, Frankfurt am Main: Fischer, 2019, 21.

Statistisches Bundesamt (Hg.). „Migration und Integration: Migrationshintergrund“, in: D-Statis, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Glossar/migrationshintergrund.html, zuletzt geprüft am 8. Januar 2021.

 


[1] Vgl. Paul Mecheril. Einführung in die Migrationspädagogik, Weinheim: Beltz, 2004, 11. Mecheril sagt beispiels­weise: „Die Tatsache der Migration betrifft und bestimmt in entscheidendem Maße gesellschaftliche Wirk­lich­keit. […] Der Ausdruck ‚Migration‘ erfasst eine Vielzahl von Phänomenen, die für eine Gesellschaft charakteris­tisch sind, in der Aus- und Einwanderung, das Entstehen von Zwischenwelten oder ‚Fremdheit‘ erfindende Diskurse von großer Bedeutung sind. Weil es sich hierbei um Phänomene handelt, die bildungsrelevant sind, da sie auf Bildungsverläufe wirken und für Bildungsinstitutionen von Bedeutung sind, sind ‚Migrationsgesellschaft‘ und ‚Migration‘ terminologisch angemessene Referenzen pädagogischen Nachdenkens.“

[2] Vgl. J. Klaus Bade. Europa in Bewegung: Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München: Beck, 2000, 11.

[3] Vgl. Klaus J. Bade. Migration Flucht Integration: Kritische Politikbegleitung von der ‚Gastarbeiterfrage‘ bis zur ‚Flüchtlingskrise‘. Erinnerungen und Beiträge, Karlsruhe: von Loeper Literaturverlag, 2017, 22. Bade nennt als Beispiele die Debatten um Gesetzesreformen zur Einwanderung sowie Reformen des Staatsangehörigkeitsrechts (1990), des Asylrechts (1993), des „Zuwanderungsgesetzes“ (2005) des „Anerkennungsgesetzes“ (2012). Zeitlich frühere Beispiele dieser Gesetzesdiskussionen sind u. a. die Debatten um den „Anwerbestopp“ (1973) sowie die „Rückkehrförderung“ (1983). Neben Gesetzesdebatten wurden Migration und Integration auch in Verbindung mit fundamentalistischen Terroranschlägen und „migratorischen Großereignissen“, wie der Fluchtwanderungen aus Ex-Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre bis hin zur „Flüchtlingskrise“ 2015/2016 zu einem kontrovers diskutierten Thema.

[4] Vgl. Franck Düvell. Europäische und internationale Migration: Einführung in historische, soziologische und politische Analysen, Hamburg: LIT, 2006, 1.

[5] Vgl. Ibid.

[6] Hier wird zwischen den Kategorien Migrationserfahrung und Migrationshintergrund unterschieden. Erstes bezieht sich darauf, ob eine Person selbst schon über gewisse Grenzen migriert ist oder im Umfeld Personen hat, die diese Erfahrungen gemacht haben. Mit Migrationshintergrund hingegen ist – in der Art und Weise wie dieser in Deutsch­land statistisch formuliert wird – eine Zuschreibung gemeint, die nicht unbedingt bedeuten muss, dass die Person selbst migriert ist oder Erfahrungen mit Migrationen in ihrem sozialem Umfeld haben muss, denn es richtet sich danach, ob die Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit seit der Geburt innehatten oder nicht. Außerdem werden gewisse Migrationserfahrungen wie bspw. die der Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges explizit von der Kategorie Migrationshintergrund ausgenommen. Vgl. Statsitisches Bundesamt (Hg.). „Migration und Integration: Migrations­hintergrund”, in: D-Statis, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Glossar/migrationshintergrund.html, zuletzt geprüft am 8. Januar 2021.

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